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Landtag gedenkt Opfern der Ramstein-Katastrophe

Landtagspräsident: Stimmen der Opfer hören/Betroffene berichten über Erlebtes

Der rheinland-pfälzische Landtag hat vor seiner ersten Plenarsitzung nach der parlamentarischen Sommerpause an diesem Mittwoch den Opfern der Flugtag-Katastrophe in Ramstein gedacht. Am 28. August 2018 jährt sich die Katastrophe von Ramstein zum 30. Mal. Das folgenschwere Unglück hatte sich bei einer militärischen Flugschau auf der von den USA betriebenen Air Base in Ramstein bei Kaiserslautern ereignet und zählt zu den größten Katastrophen, die sich je bei einer Flugschau zugetragen haben.

Fehleinschätzungen und Konsequenzen

„Der 28. August 1988 hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer eingegraben“, sagte Landtagspräsident Hendrik Hering in seiner Eröffnungsrede. Die „furchtbare“ Katastrophe und die Opfer von Ramstein seien auch nach 30 Jahren nicht vergessen. Hering schilderte im Landtag nochmals eindringlich die Situation am damaligen Unglückstag. Dabei ging er auch auf die Schwierigkeiten bei den Rettungsarbeiten nach dem Unglück ein. „Niemand war auf eine Katastrophe von solch einem Ausmaß vorbereitet. Es gab kein koordiniertes Vorgehen“, sagte Hendrik Hering. Konsequenzen seien gewesen, dass in Ramstein bis heute kein Flugtag mehr stattgefunden habe, Flugschauen generell in Deutschland nur noch in einem sehr eingeschränkten Maße zulässig seien und bei jeder heutigen Großveranstaltung ein umfassendes Sicherheits- und Rettungskonzept vorgelegt werden müsse.

Landtagspräsident Hendrik Hering sprach allen von der Katastrophe Betroffenen sein Mitgefühl aus und dankte allen, die als Sanitäter, Ärzte, Feuerwehrleute oder Seelsorger den Opfern am Tag der Katastrophe sowie in der Zeit danach Hilfe leisteten. Zugleich verwies er auf die Erkenntnisse eines Untersuchungsausschusses des Bundestags, der das Unglück von Ramstein aufarbeitete und Versäumnisse feststellte. Dazu gehörten beispielsweise die Frage, ob solche Flugshows in der damaligen Form überhaupt hätten genehmigt werden dürfen sowie Fehler beim Rettungseinsatz.

Mut zur Entschuldigung

Darüber hinaus kritisierte Hering die bürokratischen Hürden, die Betroffenen nach dem Unglück bei Entschädigungsfragen in den Weg gelegt wurden. Ungeachtet aller gesetzlicher Vorgaben und staatlicher Regelungen dürfe es an Menschlichkeit niemals mangeln, betonte der Landtagspräsident. Herausragende Funktionen in der Gesellschaft wahrzunehmen sollte immer auch mit der Größe verbunden sein, Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehöre auch, wenn erforderlich, sich bei Opfern und Geschädigten angemessen und würdig zu entschuldigen, betonte Hendrik Hering. Beides sei nach Ramstein nicht erfolgt, beklagten Betroffene. Unabhängig jeder Schuldzuweisung sei es ihm ein großes persönliches Anliegen, alle Betroffenen des Unglücks um Vergebung dafür zu bitten, „wie die Politik mit der Verantwortlichkeit für dieses schreckliche Ereignis umgegangen ist“. Der Landtagspräsident forderte einen Kulturwandel hin zu einer Gesellschaft, in der Fehler zugestanden werden dürften, wo aber auch der Mut da sein sollte, sich zu entschuldigen. Auch müsse Menschen, denen unermessliches Leid widerfahren ist, schnell und unbürokratisch geholfen werden.

„Wir erinnern heute an eine unfassbare Katastrophe und sind in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir können nichts ungeschehen machen, aber wir können gedenken, zusammen stehen und uns gegenseitig stützen“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Aus der Katastrophe seien Lehren gezogen worden. Solche riskanten Flugschauen seien heute verboten. Gelernt habe die Gesellschaft auch, dass neben den physischen Wunden auch die psychischen Wunden langfristig geheilt werden müssten und dass auch die Helfer in diesen schwierigen Einsätzen Hilfe brauchen. Die Ministerpräsidentin dankte in diesem Zusammenhang insbesondere Heiner Seidlitz und der Familie Jatzko für ihr Engagement in der Nachsorge, sie hätten vielen Betroffenen Halt gegeben und Strukturen zur Selbsthilfe geschaffen.

Den Opfern von Ramstein im Gedenken gerecht zu werden, heiße auch, bei dem bisher Erreichten nicht stehenzubleiben. Um zukünftig schnell und unbürokratisch die vielfältigen notwendigen Maßnahmen für die Opfer und die Hinterbliebenen ergreifen zu können, plane das Land Rheinland-Pfalz die Stelle eines Opferbeauftragten, so die Ministerpräsidentin. „Wir werden diese einrichten für die direkte Unterstützung der Betroffenen nach besonders schweren Unglücksfällen wie in Ramstein, nach Anschlägen oder nach Naturkatastrophen überregionalen Ausmaßes mit Personenschäden. Wir haben uns entschieden, mit dieser Funktion zusätzlich den Präsidenten des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung, Detlef Placzek, zu betrauen.

Stimmen der Opfer hören

Eine Grundvoraussetzung, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, sei es, nicht nur über die Tragödie und die Opfer zu sprechen, sondern mit ihnen, sagte Hendrik Hering. Es seien „die Stimmen der Opfer“, die gehört werden müssten. Deshalb habe man sich entschieden, in das Zentrum des Gedenkens das Gespräch mit Betroffenen zu stellen, so der Landtagspräsident. 

Bei der anschließenden Gesprächsrunde mit SWR-Moderatorin Ulrike Nehrbaß berichteten die beiden Betroffenen Marliese Witt und Marc Jung über ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Unglück und wie es ihr Leben veränderte. Marliese Witt hatte bei dem Unglück ihren damals 16-jährigen Sohn verloren. Sie ist mittlerweile selbst als Trauerberaterin tätig. Marc Jung war damals vier Jahre alt und hat schwere Verbrennungen im Gesicht und an weiteren Körperteilen erlitten. Beide engagieren sich ehrenamtlich in einer Stiftung des Ehepaars Sybille und Hartmut Jatzko. Das Ehepaar hatte die Begleitung und die Therapie der Opfer und Hinterbliebenen der Ramstein-Katastrophe übernommen. Sybille Jatzko nahm ebenfalls an der Gesprächsrunde im Landtag teil und berichtete insbesondere über ihre Therapiearbeit. 

Im Anschluss an die Veranstaltung konnten sich die Abgeordneten bei einer Begegnung in der Lobby der Steinhalle mit Zeitzeugen, Opfern und Hinterbliebenen austauschen. 

 
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