Von Oskar Schindler gerettet – KZ Überlebende berichtet

Seit über zwei Jahrzehnten erinnert der rheinland-pfälzische Landtag am 27. Januar im Rahmen einer Sondersitzung an die Opfer des Nationalsozialismus. Aufgrund der Corona-Pandemie musste dieses Gedenken erstmals als Online-Veranstaltung stattfinden. Im Mittelpunkt der in Kooperation mit dem Mainzer Staatstheater stattfindenden Gedenkveranstaltung stand ein Zeitzeugenbericht der polnischen KZ-Überlebenden Niusia Horowitz-Karakulska.

Sie ist die letzte Überlebende in Polen, deren Name auf der Liste des Industriellen Oskar Schindler stand und die dadurch gerettet wurde. Die Aufzeichnung der Gedenkstunde ist auf der Homepage des Landtags in der Mediathek zu finden. Landtagspräsident Hendrik Hering und Ministerpräsidentin Malu Dreyer erinnerten an die Bedeutung des Gedenkens und tauschten sich mit jungen Menschen jüdischen Glaubens aus Rheinland-Pfalz aus.

In einer Videoaufzeichnung erinnert sich Niusia Horowitz-Karakulska an ihre Kindheit im von den Nazis besetzten Krakau in Polen. Sie wurde am 22. April 1932 in Krakau geboren. Sie stammt aus einer bürgerlichen jüdischen Familie, ihr Vater war Buchhalter. Als sie sieben Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern, aus Krakau zu fliehen. Sie wurden jedoch während einer Razzia gefasst. Mit acht Jahren begann Niusias Zeit in Gefangenschaft. Sie habe in ständiger Angst und Furcht gelebt, ohne Hoffnung auf ein besseres Morgen, berichtet sie in eindringlichen Worten. 1941 wurde sie ins Krakauer Ghetto deportiert, 1943 kam sie ins Zwangsarbeiterlager und spätere KZ Plaszow und musste in einer Pinselfabrik Zwangsarbeit leisten. 1944 wurde sie ins KZ Auschwitz deportiert.

Träume von Hühnersuppe und einem freien Land

Sie musste die „Appelle“ erleben und wie der Kommandant nur kurz mit dem Finger auf Häftlinge zeigte, die entweder eine andere Arbeit verrichten mussten oder vergast werden sollten. Sie erlebte, wie sich Häftlinge aus Hoffnungslosigkeit in den elektrischen Stacheldraht warfen. Sie erlebte, wie Menschen in den Viehwaggons auf dem Weg nach Ausschwitz starben. Sie selbst wurde zweimal zur Vergasung ins Krematorium geschickt. Zweimal wurde sie gerettet. Einmal hatte ihre Mutter einen Brillanten verschluckt, bevor sie ins Lager gebracht wurden. Sie schied ihn aus, reinigte ihn, versteckte ihn unter ihrer Zunge. Und bestach damit die Aufseherin, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Niusia träumte von Hühnersuppe und stellte sich vor, wie es sei, in einem freien Land zu leben. Dann kam die Rettung in Person von Oskar Schindler. Er suchte sie zur Arbeit in seiner Metall-Fabrik in Brünnlitz aus und rettete ihr damit das Leben. Zum Kriegsende 1945 wurde sie befreit. „Die Menschen schwiegen nach dem Krieg über die Konzentrationslager, niemand sprach darüber“, sagte Niusia Horowitz-Karakulska. Vergeben könne sie all jenen, die sie gequält haben, niemals. Und vergessen, nein, das könne sie auch niemals.

In der Gedenkstätte KZ Auschwitz und dem Schindler-Museum in Krakau ist Niusia Horowitz-Karakulska seit vielen Jahren als Zeitzeugin aktiv. In besonders schöner Erinnerung sind ihr die Begegnungen mit dem Regisseur des mehrfach Oscar-prämierten Films „Schindlers Liste“, Steven Spielberg, geblieben. Als Überlebende habe sie Spielberg am Set beraten und durfte auch eine kurze Rolle im Film spielen. Sie habe auch die Hauptdarsteller kennenlernen dürfen, die sie an die realen Personen erinnerten.

Landtagspräsident Hendrik Hering betonte, dass der Landtag seit 2005 im Wechsel im Plenarsaal und an Stätten der Verfolgung im Land zusammenkomme, um zu gedenken. „Eigentlich wollten wir in diesem Jahr im Mainzer Staatstheater gedenken, was aber aufgrund der Corona-Pandemie leider nicht möglich war“. Das Staatstheater habe nun das Schülerprojekt „Liebe Niusia“ mit Fragen an die Zeitzeugin beigesteuert. Es sei ihm ein wichtiges Anliegen, immer auch junge Menschen in diese Gedenkveranstaltung einzubinden, sagte Hendrik Hering. Er freute sich, dass Schulklassen aus ganz Rheinland-Pfalz heute im Homeschooling diese Veranstaltung verfolgten. Mit einer solchen Veranstaltung könnten auch Erfahrungen gemacht werden für eine Zukunft, in der keine Zeitzeugen mehr zur Verfügung stünden. Man werde neue Formen des Gedenkens finden müssen für eine junge Generation, die sich frage, was diese Vergangenheit mit ihrem Leben zu tun habe, so Hendrik Hering. „Eines muss klar sein: Nicht nur das Gedenken, sondern auch die Lehren aus unserer Geschichte müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden – denn Verantwortung im Hier und Heute, die tragen wir alle“, so der Landtagspräsident.

„Du sollst nicht gleichgültig sein“

Es sei das elfte Gebot, das uns die Überlebenden der Shoah mit auf den Weg gegeben hätten: Du sollst nicht gleichgültig sein. Denn man müsse sich immer wieder bewusstmachen, dass die NS-Diktatur hauptsächlich auf dem System von Mitläufern beruht habe. „Von der an die Verrohung der Sprache, über die Zerstörung der Vernunft bis zum Einzug der Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung ist es ein kurzer Weg“, sagte Hendrik Hering. Auch heute zeige sich immer wieder, wie schnell aus Mitläufern Mittäter würden. In einer schweren und ungewissen Zeit wie die, die wir heute erlebten, hätten die Überlebenden auch diesen Auftrag an uns, so Hendrik Hering: „Üben wir Mitmenschlichkeit und Solidarität mit den Schwachen. Das Wesen der Demokratie besteht darin, dass die Mehrheit regiert, doch das Wesen der Demokratie besteht eben auch darin, dass die Rechte von Minderheiten geschützt werden müssen.“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer betonte: „Die Verbrechen der Nationalsozialisten und das unfassbare Leid der Opfer dürfen niemals vergessen werden“. Eine sichere Gegenwart und Zukunft für Juden und Jüdinnen in Rheinland-Pfalz sei der Prüfstein dafür, dass wir die Verantwortung für unsere Geschichte übernehmen. Die Landesregierung werde weiterhin alle Formen des Antisemitismus bekämpfen und für bestmögliche Sicherheit sorgen. Doch notwendig sei auch eine Alltagkultur, die antisemitischen Ressentiments und Vorurteilen keinen Raum lasse. „Der wichtigste Schlüssel, um antijüdische Denkformen bewusst zu machen und Judenhass zu überwinden ist Bildung. Wissen um die geschichtlichen Ereignisse, aber auch Herzensbildung über die Berichte von Zeitzeugen und im Erleben ehemaliger Konzentrationslager. Beides fördert die Landesregierung in der Schule wie in der politischen Bildung und Kultur“, sagte die Ministerpräsidentin. Als zweiten wichtigen Schlüssel nannte sie Begegnungen, die in diesem Jahr ganz besonders mit dem Festprogramm „1.700 Jahre jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz“ stattfinden würden. „Ich möchte dazu ermuntern und einladen, in diesem Festjahr die reiche Geschichte und das gegenwärtige jüdische Leben in allen Facetten kennenzulernen“, so Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Landtagspräsident Hendrik Hering und Ministerpräsidentin Malu Dreyer tauschten sich anschließend mit jungen Menschen jüdischen Glaubens aus Rheinland-Pfalz aus. Ebenso kamen in einer vom Mainzer Staatstheater produzierten „Stimmencollage“ Mainzer Jugendliche mit ihren Fragen und Gedanken zu Wort. Moderiert wurde die Veranstaltung von Shahrzad Eden Osterer vom Bayerischen Rundfunk.

Programmheft erhältlich

Im Zusammenhang mit dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ist ein Programmheft des rheinland-pfälzischen Landtags und der Stadt Mainz erschienen. In diesem sind Veranstaltungen aufgeführt, die sich landesweit mit dem Gedenktag befassen. Das Heft ist über die Homepage des Landtags unter www.landtag.rlp.de abrufbar. In gedruckter Form und als Klassensatz kann es kostenlos bestellt werden bei Ruth Cloos (Telefon: 06131-208 2311 oder per E-Mail an ruth.cloos@landtag.rlp.de).