„Nicht zurückfallen in Verschweigen und Verdrängen“

Die deutsche Herrschaft in Griechenland von 1941 bis 1945 war Thema eines Vortrags des renommierten und inzwischen emeritierten Professors für Geschichte, Wolfgang Benz.

Im Rahmen seines Themenschwerpunkts „Erinnerungskultur“ hatte der Landtag hierzu gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung, die Südosteuropa-Gesellschaft, die Deutsch-Griechische Gesellschaft Wiesbaden/Mainz e.V. und dem Förderverein Osthofen in den Plenarsaal des Deutschhauses eingeladen.

Der Vortrag ist eine von fünf Begleitveranstaltungen zur Ausstellung „Renato Mordo. Griechisch, jüdisch, deutsch zugleich, ein Künstlerleben im Zeitalter der Extreme“, die derzeit auch im Mainzer Abgeordnetenhaus zu sehen ist. Landtagspräsident Hendrik Hering verwies in seinen einführenden Worten darauf, dass über die grausame, verbrecherische Besatzung in Griechenland durch die deutsche Wehrmacht und die SS zwischen 1941 und 1945 noch viel zu wenig bei uns bekannt sei. „Nur wenige wissen in Deutschland um die systematische Ausplünderung und um die Verbrechen gegen Frauen und Kinder in unzähligen griechischen Dörfern und um die Verfolgung der griechischen Juden“, sagte Hendrik Hering. Kaum einer kenne die Stätten der Folter und der Entrechtung wie das deutsche Konzentrationslager Chaidari bei Athen. Von den meisten der fast 30 deutschen Konzentrationslager in Griechenland sei heute nicht einmal mehr bekannt, wo sie gelegen haben. Erst in jüngster Zeit habe es, so Hendrik Hering, zaghafte Anfänge einer Aufarbeitung gegeben. Als Beispiel nannte er die Gründung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks vor zwei Jahren, das eine Bildungsplattform mit einem Zeitzeugenprojekt auf den Weg gebracht habe.

Nur wer Unrecht kennt, versteht Griechenland von heute

„Nur wer um das Unrecht von damals weiß, kann das Griechenland von heute verstehen“, betonte der Landtagspräsident. Nur wer diese Vergangenheit kenne, könne zum Beispiel auch die griechischen Reparationsforderungen der Gegenwart einordnen. Zum Selbstverständnis aller Demokraten in Deutschland gehöre, sich mit den Abgründen unserer Geschichte auseinander zu setzen. „Wir dürfen und wir wollen nicht zurückfallen in das alte Verschweigen und Verdrängen“, sagte Hendrik Hering. Es stehe in unserer Verantwortung, jede Form von Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen.

Volle Härte gegenüber Antisemiten

In diesem Zusammenhang erinnerte Landtagspräsident Hendrik Hering auch an den aktuellen Vorfall um den deutsch-jüdischen Sänger Gil Ofarim. Dieser wurde mutmaßlich in einem Leipziger Hotel diskriminiert, weil er den Davidstern, ein Symbol des Judentums, trug. „Es beschämt mich zutiefst, dass Jüdinnen und Juden auch nach den millionenfachen Morden während der Shoah, begangen von Deutschen oder in deren Namen, sich in Deutschland immer noch fürchten müssen, wegen ihres Glaubens angegriffen, bedroht oder beleidigt zu werden“, sagte Hendrik Hering. Es sei dies eine Schande für Deutschland und zugleich deutliches Zeichen, dass der Antisemitismus mit dem Kriegsende nicht zu Ende ging, sondern einigen Teilen der Gesellschaft verbreitet und akzeptiert sei. Er forderte die volle Härte des Rechtsstaats gegenüber Intoleranten, Antisemiten und Rassisten. Ebenso sei es eine bleibende und prioritäre Aufgabe für Gesellschaft, Bildungspolitik und die Erinnerungskultur, Vielfalt, Toleranz und historisches Wissen zu fördern.

Gräueltaten der Wehrmacht, Widerstand und Leiden

Professor Wolfgang Benz aus Berlin ging in seinem Vortrag auf verschiedene Aspekte der deutschen Besatzungsherrschaft während des Zweiten Weltkrieges in Griechenland ein. Themenschwerpunkte waren unter anderem das Handeln von Wehrmacht und SS in Griechenland in den Besatzungsjahren 1941 bis 1945, Deserteure und Partisanen, Widerstand und Leiden der griechischen Bevölkerung, Besatzungsbehörden und Kriegsverbrechen, der Weg Griechenlands in den Bürgerkrieg. Wolfgang Benz ist emeritierter Professor für Geschichte und ein international geschätzter Experte der Vorurteilsforschung. Er leitete an der TU Berlin von 1990 bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Fachbeirates zur Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz.