Happy Birthday, Parlament!

Vor 70 Jahren im Mai wehten zum ersten Mal die rheinland-pfälzische Fahne und die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne nebeneinander auf dem Dach des Mainzer Deutschhauses. Damit war es am 18. Mai 1951 weithin zu sehen: An jenem Freitag tagte zum ersten Mal das Parlament an seinem neuen Sitz in der Landeshauptstadt Mainz.

In diesem Jahr ist die Rückkehr der Parlamentarier in das grundlegend und nachhaltig sanierte Deutschhaus am Rhein geplant. Gründe genug also für einen Blick in die Demokratiegeschichte des Gebäudes.

Der Landtag Rheinland-Pfalz kam am 18. Mai 1951 zur konstituierenden Sitzung seiner zweiten Wahlperiode in Mainz zusammen. In den Jahren zuvor waren 1946 zunächst die Beratende Landesversammlung, ab 1947 dann das Parlament und die Regierung des neu gegründeten Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz zusammentreten. Denn dort hatten – anders als in Mainz – Gebäude mit großen Sälen den alliierten Luftangriffen standgehalten: das Stadttheater, das Koblenzer Rathaus und das Görreshaus. In einer Abstimmung am 28. Mai 1950 beschloss der Landtag, wenn auch denkbar knapp, nach Mainz umzuziehen. Später bestimmte er das Deutschhaus zu seinem Sitz. In nur 153 Tagen wurde das ausgebombte Gebäude wieder aufgebaut.

Gebäude mit bewegter Geschichte

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Deutschhaus schon eine bewegte über 200-jährige Geschichte hinter sich. Zentral am Rhein gelegen, war es stets am Puls der Zeit. Ritter des Deutschen Ordens gingen ein und aus, die Revolutionäre der Mainzer Republik wie Georg Forster starteten hier den ersten Demokratieversuch auf deutschem Boden. Auch Napoleon mit Gattin Josefine stiegen mehrfach im Deutschhaus ab. Doch das Gebäude schrieb auch als Messestandort Industrie- und Wirtschaftsgeschichte. Fast dreißig Jahre wurde in seinen Mauern französisch gesprochen, war das Deutschhaus doch drei Mal Verwaltungssitz, wenn die Gebiete links des Rheins in französischer Hand waren.Erbaut wurde das Gebäude für den Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg. Als Hochmeister des Deutschen Ordens ließ er eine seinem Stand angemessene Repräsentationsstätte errichten. Zwischen 1729 und 1740 entstand am Rhein der moderne Barockbau, der bis heute Deutschhaus genannt wird.

Symbol für Freiheit, Einheit und Demokratie: die Hambacher Fahne von 1832

Seit 1955 hat eine vier Meter große schwarz-rot-goldene Fahne ihren festen Platz an der Stirnseite des Plenarsaals. Sie stammt vom Hambacher Fest 1832. Als einzigartiges Symbol des langen Ringens um die Demokratie auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz stand sie den Abgeordneten mehr als sechs Jahrzehnte lang vor Augen. Mit den Farben Schwarz-Rot-Gold erinnert sie an die erste deutsche Massendemonstration für Freiheit, Einheit, Demokratie und ein vereintes Europa. Während der Generalsanierung des Deutschhauses ab 2016 wurde das heute 189 Jahre alte Tuch sorgfältig restauriert. Im wiedereröffneten Plenarsaal kehrt die Hambacher Fahne an ihren Ehrenplatz zurück. Auch vor dem Deutschhaus werden die drei symbolträchtigen Farben künftig unübersehbar sein: In drei monumentalen Toren, die der Münchner Künstler Michael Sailstorfer im Rahmen des Wettbewerbs „Kunst am Bau“ entworfen hat, werden je ein schwarzes, rotes und goldenes Tuch wehen und so an die reiche Demokratiegeschichte in Rheinland-Pfalz erinnern.

Frühester Parlamentssitz auf deutschem Boden

1793 kam im Deutschhaus das erste nach allgemeinem Wahlrecht gewählte Parlament auf deutschem Boden zusammen: der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent. Französische Revolutionstruppen hatten im Herbst 1792 die Pfalz und Rheinhessen besetzt. Die Verwaltung der besetzten Gebiete, die „Allgemeine Administration“, zog ins Deutschhaus. Frankreich wollte seine Grenzen erweitern und zugleich seinen Nachbarn die Freiheit bringen – Menschenrechte, Volkssouveränität und Rechtsgleichheit. Deshalb fanden im Februar und März 1793 Wahlen statt: Wahlberechtigt waren alle Männer über 21 Jahren außer Dienstboten und Knechten. Gewählt wurden 130 Abgeordnete aus 125 Orten der Pfalz und Rheinhessens. Insgesamt tagte der Konvent 16 Mal öffentlich im Rittersaal. Am 18. März 1793 wurde vom Balkon der „Rheinisch-Deutsche Freistaat“ ausgerufen – die Mainzer Republik. Diese bestand jedoch nur wenige Monate. Im Juli 1793 eroberten Reichstruppen Mainz zurück. Der erste frühe Demokratie-Versuch war zu Ende.

Napoleon, Messestandort und großherzoglich-hessisches Palais

Als das linke Rheinufer 1797 erneut französisches Staatsgebiet wurde, nahmen die Oberkommandierenden des frisch geschaffenen Departements Donnersberg im Deutschhaus ihren Sitz. Napoleon ließ das Gebäude ab 1804 zum kaiserlichen Palast ausgestalten und weilte insgesamt zehn Mal hier – zuletzt geschlagen auf dem Rückzug nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813. Danach gehörte Mainz zum Großherzogtum Hessen. Das Haus wurde 1816 zum Palais des hessischen Großherzogs. 1842 schrieb das Deutschhaus Wirtschaftsgeschichte: Hier fand die „Erste allgemeine deutsche Industrieausstellung“ statt – eine Industriemesse von epochaler Bedeutung: 720 Firmen aus 21 deutschen Staaten stellten erstmals gemeinsam ihre Produkte aus. Rund 75.000 Menschen strömten herbei. Publikumsmagnet war eine Dampflok in einem Zelt im Hof.

Französische Verwaltung, NS-Zeit und Zerstörung

Nach der Niederlage Deutschlands am Ende des Ersten Weltkrieg wehte auf dem Dach des Deutschhauses erneut die französische Trikolore: Es war jetzt Sitz des Oberkommandierenden der französischen Besatzungsarmee am Rhein. Nach dem Abzug war das leerstehende Gebäude als Museum vorgesehen. Doch um 1935 bezog die nationalsozialistische SA-Brigade 150 das Haus. Von hier aus erteilten die Nationalsozialisten in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 die Befehle zu den Novemberpogromen in der Region.  Bei dem verheerenden Luftangriff auf Mainz vom 27. Februar 1945 brannte das Deutschhaus bis auf die Außenmauern nieder.

Wiederaufbau als Sitz des Landtags Rheinland-Pfalz

Über 3.300 Kubikmeter Trümmer und Schutt mussten 1950 geräumt werden, bevor es als Parlamentssitz wieder aufgebaut werden konnte. Ab November 1950 herrschte auf der Baustelle Hochbetrieb. Rund 320 Arbeiter pro Tag arbeiteten den ganzen Winter durch – selbst bei 30 bis 40 cm hohem Schnee. Die Kosten von 1,2 Millionen D-Mark (etwa 610.00 Euro) trug die französische Besatzungsbehörde. Der Wiederaufbau dauerte nur 153 Tage. Der Rittersaal wurde zum Plenarsaal. Bei der Übergabe des Hauses 1951 erinnerte Landtagspräsident August Wolters daran, „dass die Würde eines Parlamentes nicht durch steinerne Gebäude oder durch Einrichtungen allein gewahrt werde… Demokrat zu sein heißt an erster Stelle auch, die politische Auffassung des anderen zu achten und zu versuchen, sie zu verstehen."