Gegen das Vergessen: Lidice-Überlebende im Landtag

Lidice, ein geschichtsträchtiger Ort im heutigen Tschechien. Im Jahr 1942 verübte das NS-Regime hier ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Im September 2022, 80 Jahre später, besuchten drei Überlebende den Landtag Rheinland-Pfalz. Rund ein Jahr zuvor hatten Landtagspräsident Hendrik Hering und Staatssekretärin Heike Raab bei einem Besuch der tschechischen Partnerregion Mittelböhmen die Einladung ausgesprochen.

Lidice – auch ein Symbol des Friedens

Die drei Zeitzeugen, überlebende „Kinder von Lidice“, waren zum Zeitpunkt der Tragödie noch kein Jahr alt oder wurden unmittelbar nach dem Massaker geboren. Landtagspräsident Hendrik Hering zeigte sich bewegt und dankbar, dass Jirí Pitín, Pavel Horešovský und Jirí Korecký den weiten Weg nach Mainz auf sich genommen haben. Er sei sich der emotionalen Kraft bewusst, die es koste, hier, in Deutschland, die Erinnerungen an das Massaker von Lidice aufleben zu lassen. „Seit diesem 10. Juni 1942 ist Lidice ein Symbol für die fanatische Zerstörungswut des NS-Regimes. Zugleich aber steht der Ort heute auch für die Kraft der Erinnerung und den Willen zu Frieden und Verständigung“, erklärte Hering.

Generationenüberschreitendes Erinnern

Im Landtag trafen sich die Zeitzeugen zum Austausch mit Schülergruppen des Sebastian-Münster-Gymnasiums in Ingelheim sowie der Europaschule in Traben-Trarbach mit ihren Gastschülerinnen und -schülern von der Deutschen Schule in Athen. Auf bewegende und detailreiche Weise erzählten die Zeitzeugen von ihren Erfahrungen während des Überfalls auf Lidice und von der Zeit danach. Die Schülerinnen und Schüler richteten persönliche Fragen an die Zeitzeugen und interessierten sich sehr dafür, wie sie im Laufe ihres Lebens mit der Tragödie umgegangen sind. 

Erinnerungskultur lebendig halten

Landtagspräsident Hendrik Hering betonte die schreckliche Aktualität des Themas Gewalt und Willkür gegenüber Zivilisten, Frauen, Männern und Kindern. Heute seien es die Kinder der Ukraine, die den Grauen von Krieg und Gewalt schutz- und schuldlos ausgeliefert seien. Umso mehr schätze er, dass die Zeitzeugen ihre eigenen leidvollen Kriegserfahrungen mit anderen, insbesondere jungen Menschen, teilten. Der Besuch der Delegation aus Lidice reiht sich in die Bestrebungen des Landtags ein, Erinnerungskultur lebendig zu halten, um die Demokratie für die Zukunft zu festigen.

Besuch der Gedenkstätte KZ Osthofen

An dem zweitägigen Programm in Rheinland-Pfalz nahmen neben den Zeitzeugen auch die Bürgermeisterin von Lidice, Veronika Kellerová, die Ausstellungskuratorin der Gedenkstätte, Veronika Trubacová, die Vorsitzende der Organisation LIDICE MEMORY,  Hana Pokorná, und Lucie Barber, Referentin der Regierungsbehörde der Mittelböhmischen Region, teil. Am zweiten Programmtag besuchten die Gäste die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Osthofen. Dort fand ein weiterer Austausch mit vier Schulklassen aus Osthofen, Worms und Kaiserslautern sowie ein Fachgespräch zur Gedenkstättenarbeit statt.

Erfahrungen der Zeitzeugen

Jirí Pitín lebte nach der Trennung von seiner Mutter in einem Waisenhaus und wurde nach der Befreiung von seiner Tante großgezogen. Sein Vater, sein Onkel, seine Mutter und seine Schwester waren ermordet worden oder an den Folgen der Misshandlungen gestorben.

Der Vater von Pavel Horešovský wurde ebenfalls ermordet, er selbst von seiner Mutter getrennt. Sie überlebte das Konzentrationslager Ravensbrück und konnte nach Kriegsende zu ihrem Sohn zurückkehren.

Die Mutter von Jirí Korecký war zum Zeitpunkt der Katastrophe mit ihm schwanger. Sie wurde unmittelbar nach der Niederkunft in das KZ Ravensbrück deportiert, konnte aber zum Glück überleben. Er selbst wurde von einer fremden Familie adoptiert und erfuhr erst mit 18 Jahren von seiner wahren Herkunft.

Geschichte von Lidice

Lidice, ein kleiner Ort unweit von Prag, wurde nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, von der SS dem Erdboden gleichgemacht. Sämtliche männlichen Einwohner über 15 Jahren wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 von der SS sofort erschossen, die Frauen in KZs verschleppt, die meisten der Kinder, insgesamt 82, kurz darauf ermordet. Einige wenige wurden zur Umerziehung – zur so genannten „Germanisierung“ – in Erziehungsheime gebracht. Nach dem Krieg entstand ein neues Lidice unweit des alten Dorfs. Am Standort des früheren Dorfes erinnern heute eine Gedenkstätte und ein Museum an das Massaker des NS-Regimes.