Erinnerungskultur gegen Verdrängen und Vergessen

Unter dem Titel „Erinnern und Gedenken im Ländervergleich: Israel, Ruanda, Deutschland“ hat der rheinland-pfälzische Landtag zwei Tage lang mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft aus den drei Ländern über unterschiedliche Erinnerungskulturen diskutiert.

Die Online-Veranstaltung beschäftigte sich im Kern mit Fragen wie: Welche Bedeutung hat Erinnern und Gedenken? Welche Herausforderungen und welche Formen des Erinnerns gibt es dabei in den drei Ländern? Und wo können wir voneinander lernen?

Insgesamt waren an der live gestreamten Tagung, die 16 Stunden Programm umfasste und von über 800 Teilnehmenden begleitet wurde, 30 Referentinnen und Referenten beteiligt. Ab Mitte Dezember wird die Aufzeichnung der Tagung abrufbar sein unter www.erinnern.rlp.de.

Unterschiede im Gedenken

Es waren verschiedene persönliche Erfahrungen, die Landtagspräsident Hendrik Hering veranlassten, eine solche Tagung auf den Weg zu bringen. So hatte er an den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Völkermords in Ruanda teilgenommen. „Es war spürbar, wie intensiv sich die ganze Gesellschaft in Ruanda mit ihrer jüngeren Geschichte beschäftigte. Dabei war Trauer spürbar, aber auch viel Lebendigkeit und Emotionalität“, sagte Hendrik Hering. Besonders berührt haben ihn auch seine Begegnungen mit Überlebenden der Shoah oder sein Besuch in der zentralen Gedenkstätte in Yad Vashem bei Jerusalem. Und sehr beschäftigt habe ihn, wie anders in Deutschland wiederum das Gedenken sei.

Verschweigen und Vertuschen

In seinem einführenden Statement rief Landtagspräsident Hendrik Hering dazu auf, die Mechanismen des Verschweigens und Vertuschens in Deutschland zu durchbrechen. Laut Studien sähen sich heute mehr als ein Drittel der Familien als Opfer des Nationalsozialismus. „Fast 70 Prozent der Deutschen denken, dass es in ihrer Familie keine Täter gab, 50 Prozent gehen davon aus, dass es auch keine Mitläufer gegeben hat“, sagte Hendrik Hering. Im Gegensatz dazu sei aus der Forschung bekannt, dass das NS-System hauptsächlich durch Mitläuferschaft und Mittäterschaft funktioniert habe. Für Hendrik Hering gehöre zur Gedenkarbeit insbesondere auch, über die Mechanismen aufzuklären, wie eine Gesellschaft relativ schnell in einen Zustand versetzt werden könne, in dem derartige Verbrechen normal seien und Menschen zu Tätern und Mittätern werden. Dabei dürfe natürlich nie die Perspektive der Opfer aus dem Blick verloren werden.

Innenminister Roger Lewentz sagte: „Erinnerungskultur gibt Orientierung und ist Fixpunkt für unsere Gesellschaft, die die Würde jedes Einzelnen zum Maßstab hat. Sie braucht Erinnerungsorte und Erinnerungstage. Denn sie sind uns regelmäßig wiederkehrende Mahnung, innezuhalten und unsere Werte gegen Hass und Hetze zu verteidigen“. Er betonte, dass das regelmäßige Ins-Bewusstsein-Rufen und der Transfer in die Gegenwart und Zukunft das sei, was Erinnerungskultur ausmache. „An dieser Stelle gilt es, auf die Gegenwart zu schauen und zunehmenden Antisemitismus, Rechtsextremismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit zu erkennen und dagegen anzugehen. Denn in der Gegenwart müssen Demokratie und Frieden verteidigt werden“, so Minister Roger Lewentz.

Erinnerungsarbeit mit lebensnahen Projekten

Bildungsministerin Stefanie Hubig regte an, neue Formate des Gedenkens zu entwickeln. Erinnerungsarbeit müsse über Buchwissen hinausgehen und in lebensnahen Projekten gestaltet werden. In den Schulen gebe es hierfür bereits viele Ansätze wie Gespräche mit Zeitzeugen und die Beschäftigung mit Stolpersteinen zur Erinnerung an Opfer vor Ort.

Der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Nissim Issacharoff, hob in seinem Grußwort hervor, dass Antisemitismus eine Bedrohung für jede demokratische und tolerante Gesellschaft sei. Sein Kollege aus Ruanda, Igor César, verwies auf die Bildung als ein Schlüsselfaktor in der Gedenkarbeit und auf eine frühzeitige Identifikation von Risikofaktoren, damit sich eine gewaltsame Vergangenheit nicht wiederhole.

Anschließend boten Vorträge und Gesprächsrunden in unterschiedlichsten Zusammensetzungen und Formaten vielfältige Möglichkeiten des Austauschs zwischen Experten, Teilnehmenden aus allen drei Ländern und dem zugeschalteten Publikum. Unter den Experten befanden sich unter anderen Professorin Aleida Assmann, Anglistin und Ägyptologin, Dr. Esther Mujawayo-Keiner, Mitbegründerin von AVEGA (Association des Veuves du Genocide Agahozo) und der israelische Historiker Professor Moshe Zimmermann. Auch Vertreter der zentralen Gedenkstätten in den drei Ländern nahmen teil. Moderiert wurde die Veranstaltung von Shahrzad Eden Osterer vom Bayerischen Rundfunk und von Martin Doerry vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Positive Bilanz der Tagung

Zusammenfassend zog Landtagspräsident Hendrik Hering folgendes Resümee:

„Erinnerungskultur ist dann nachhaltig und erfolgreich, wenn sie regional und vor Ort möglich ist und wenn ein emotionaler Zugang zum Gedenken gefunden wird. Denn die Verbrechen fanden nicht irgendwo weit weg statt, sondern vor unserer Haustür“. Dabei sei wichtig, die Namen der Opfer sichtbar zu machen und ihnen somit ihre Würde zurück zu geben. Bildung sei der Schlüssel dafür, um Völkermorde und Verbrechen an der Menschlichkeit zu verhindern. „Aufgrund des großen Erfolgs und der breiten Resonanz, wollen wir eine solche Tagung gerne in zwei Jahren erneut durchführen“, sagte Hendrik Hering. Er sei überzeugt davon, dass die Tagung auch weitere Kooperationsprojekte zwischen Israel, Ruanda und Rheinland-Pfalz anstoßen werde.

Gefördert wurde die Veranstaltung durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, das Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz sowie das Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz. Weitere Kooperationspartner waren Givat Haviva, die Landeszentrale für politische Bildung und der Partnerschaftsverein Rheinland-Pfalz/Ruanda e.V.