Dr. Eva Umlauf im Zeitzeugengespräch

Im Zusammenhang mit dem Gedenken zum 9. November hat der rheinland-pfälzische Landtag die Shoah-Überlebende und Zeitzeugin Dr. Eva Umlauf eingeladen, über ihr Leben und ihre Erinnerungen zu berichten.

Sie hatte sich mit Landtagspräsident Hendrik Hering sowie Schülerinnen und Schüler im Plenarsaal des Deutschhauses ausgetauscht. Moderiert wurde die Veranstaltung von der ZDF-Journalistin Maral Bazargani.

Dr. Eva Umlauf wurde in einem Arbeitslager geboren und später mit ihrer Mutter in das KZ Auschwitz deportiert. Die 78 Jahre alte Kinderärztin, Psychotherapeutin und Buchautorin gilt als eine der jüngsten Überlebenden des KZ Ausschwitz. Ihre Erinnerungen hat sie 2016 in dem Buch „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ publiziert. Bei der Veranstaltung im Landtag berichtete sie rund 50 Schülerinnen und Schülern von ihrem Leben.   

„Wir galten als ein Wunder. Ein Wunder, weil Du lebst“, sagte Eva Umlauf über die Rückkehr ihrer Mutter mit den beiden Töchtern aus Auschwitz in eine slowakische Kleinstadt. Sie berichtet über die Schwierigkeiten der ersten Generation der Opfer, über das Erlebte zu sprechen. Es sei ihr und ihrer Schwester nicht möglich gewesen, zu fragen. Sie bedauere dies, habe die Mutter aber auch nicht zum Weinen bringen wollen. Sie habe sich erst mit rund 70 Jahren nach einem Herzinfarkt auf Spurensuche begeben. „Diese Suche war sehr mühsam, weil man sich mit so vielen Toten in der Familie trifft“. Sie sei dabei auch sehr krank geworden. Ihr Buch erschien zwei Jahre später. „Ich wollte schon, dass das Schicksal dieser kleinen Familie einfach nicht vergessen wird“, sagte Eva Umlauf. Die Zeit heile im Fall Auschwitz auch keine Wunden. Sie appellierte an die jungen Menschen, „wachsam zu bleiben und aufzupassen, politisch wie menschlich, auf welche Seite man sich schlägt“. Die künftigen Wähler sollten wissen, wie wichtig es sei, demokratisch zu wählen und dass man sich nicht verführen lasse von irgendwelchen Märchen. Eva Umlauf betonte, dass Antisemitismus immer da war. „Aber heute ist er salonfähig und das ist gefährlich“. Antisemitismus werde nicht mehr versteckt und dies sei besorgniserregend.  

Erinnerungskultur zur Verteidigung der Demokratie 

Landtagspräsident Hendrik Hering sagte, dass der Austausch mit Zeitzeugen, der Besuch von authentischen Orten wie KZ-Gedenkstätten oder auch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des eigenen Wohnortes oder der eigenen Schule jungen Menschen die Thematik eindrücklich wie nachhaltig nahebringe. Deshalb müsse jede Chance hierfür genutzt werden, so lange noch Zeitzeugen lebten. Für die kommenden Generationen gebe es bereits unterschiedliche spannende Projekte, wie Erinnerungskultur auch in einer Zeit ohne Zeitzeugen aussehen könnte. Ein Forschungsprojekt an der Uni München habe beispielsweise ein Hologramm von Eva Umlauf erstellt, das interaktiv auf Fragen reagiere. Hendrik Hering betonte, dass die Erinnerungskultur die Grundlage zur Verteidigung unserer Demokratie sei. Es sei eine Schande, dass Antisemitismus noch immer weit verbreitet sei und sogar zunehme. Begegnen müsse man zudem auch Erzählmustern, die Geschichte verfälschten. Studien belegten beispielsweise, dass in deutschen Familien vor allem Berichte über die Opfer- und Helferschaft der eigenen Vorfahren im Dritten Reich an nachfolgende Generationen weitergegen werden, während von Täterschaften selten berichtet wird, was den historischen Tatsachen widerspreche.        

In der anschließenden intensiven Fragerunde interessierten sich die Jugendlichen für die Erfahrungen von Eva Umlauf mit Antisemitismus in Deutschland, für das Schicksal ihrer Familie oder auch für die Frage, ob sie sich als Jüdin in Deutschland sicher fühle.   

Hintergrund:

»Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben.« Diese Worte erschüttern Eva Umlaufs Mutter Anfang 1945 in Auschwitz. Ihre Tochter ist zwei Jahre alt, abgemagert und todkrank. Eva Umlauf wird sich später nicht an diese Zeit erinnern können. Dennoch schlummert das Erbe ihrer Vergangenheit unter der Oberfläche und prägt ihren gesamten Lebensweg. Eva Umlauf führt jahrzehntelang ein erfülltes Leben mit Höhen, Tiefen, Schicksalsschlägen. Sie überlebt Auschwitz und die rote Diktatur in der Tschechoslowakei. 1966 heiratet sie, geht ein Jahr später nach München und ist dort als Mutter dreier Söhne als Kinderärztin und Psychotherapeutin erfolgreich. Lange Zeit verdrängt sie die Auseinandersetzung mit den Erinnerungen und den Gefühlen der Fremdheit und Heimatlosigkeit. Erst als sie einen Herzinfarkt erleidet, findet sie den Raum, sich der Vergangenheit zu stellen. Sie begibt sich auf eine Reise zu sich selbst, sucht nach den Spuren ihrer ermordeten Familie und bekennt sich 2011 in Auschwitz schließlich öffentlich als Überlebende des Holocaust. Ihre Erinnerungen verarbeitet sie zusammen mit der Journalistin Stefanie Oswalt im Buch: „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“.