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„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“: Israel als Start-Up-Nation

Wirtschaftsausschuss informiert sich in Israel und den palästinensischen Gebieten über Gründerszene

Die Gründerszene Israels und der palästinensischen Gebiete im Fokus des Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr - Foto: Landtag RLP
Die Gründerszene Israels und der palästinensischen Gebiete im Fokus des Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr - Foto: Landtag RLP
11.03.2019 - „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Dieser historische Satz von Theodor Herzl aus dem Jahr 1897 symbolisiert das Bestreben des jüdischen Volkes nach einer Heimstätte. Und auch heute noch liegt der Geist dieses Satzes in Israel überall in der Luft, wenn auch in anderen Zusammenhängen. Vor allem, wenn es um die Ursachen des wirtschaftlichen Erfolges des kleinen Landes im Nahen Osten geht.

Israel ist heute nach den USA die größte Start-Up-Nation der Welt. Grund genug für den Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr des rheinland-pfälzischen Landtags, sich vor Ort über die Geheimnisse des Erfolgs zu informieren und der Frage nachzugehen, was Rheinland-Pfalz von Israel lernen kann.

Interview mit dem Vorsitzenden des Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr, Thomas Weiner



Eine erste Annäherung an die Thematik lieferte Anna Janus, die Leiterin der Wirtschaftsabteilung in der deutschen Botschaft. So unterstütze Israel insbesondere seit der zweiten Amtszeit des früheren Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin (1992 -1995) Gründer mit der Ausschüttung hoher Summen an Wagniskapital. Hinzu komme die Einwanderung von hervorragend ausgebildeten Fachkräften, beispielsweise aus Russland. Und schließlich schaffe es Israel, ursprünglich für militärische Zwecke entwickelte Technologien für eine zivile Nutzung zu verwenden. So sei laut Janus aus einer militärischen Technologie, die zur Vermessung und Analyse von Gelände und Landschaftsstruktur genutzt wurde, anschließend eine App entwickelt worden, die das Anpassen und Anprobieren von Kleidung virtuell unterstützt.


„Not macht erfinderisch“

Einen vertieften „Insider“-Einblick in die israelische Wirtschaft gab Grisha Alroi-Alroser, der Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Handelskammer in Tel Aviv. „Not macht erfinderisch“, sei einer der wesentlichen Nenner, auf denen man historisch die erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung bringen könne. Als Enklave in einer feindlichen Umgebung, seit Staatsgründung immer wieder in Kriege verwickelt und Wirtschaftsboykotten ausgesetzt, war das kleine Land von der Größe Hessens von Beginn an auf sich allein gestellt. Hinzu kamen Wasser- und Nahrungsmittelknappheit. All dies machte es notwendig, neue Technologien zu entwickeln, um das Überleben der Bevölkerung zu sichern. Von Beginn an setzte der Staat dabei auf Forschung und Bildung. Vor allem sei es aber auch das Selbstverständnis und die Mentalität der Israelis, die den Erfolg sicherten und heute noch sichern: Scheitern wird hier nicht als Makel gesehen und ist kein Hindernis, sondern eine wichtige Erfahrung auf dem Weg zum Erfolg. Hier wird das Motto „Geht nicht, gibt’s nicht“ gelebt. Und der Staat unterstützt die ersten „Gehversuche“ massiv mit Geldern und Programmen. Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor sei die Mulitkulturalität. Da Israel eine Einwanderungsgesellschaft sei, ist ein Start-Up hier oft ein „Mini-Multi-National“, in dem Kompetenzen und Talente von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen gewinnbringend genutzt werden. Auch Alroi-Alroser hob die bedeutende Rolle des Militärs hervor. „Das Militär ist die Technologieschmiede der Nation“.

Zudem gebe es bei den gesellschaftlichen Minderheiten in Israel Entwicklungen, die das Wirtschaftswachstum unterstützten. Die israelischen Araber wie auch jüdisch-orthodoxe Frauen würden sich zunehmend qualifizieren und in den Arbeitsmarkt streben. 

Alroi-Alroser verschwieg aber auch nicht die Kehrseite des Erfolges. So seien weit über die Hälfte der Bevölkerung von der guten Wirtschaftsentwicklung abgehängt wie beispielsweise israelische Araber, arabische Frauen oder die orthodoxen Juden. Sehr hohe Lebenshaltungskosten und horrende Wohnungspreise sorgten zunehmend für soziale Spannungen im Land. Und schließlich leide Israel unter einem steigenden Fachkräftemangel.


Staat, Universitäten und das Militär

Wie stark der israelische Staat Wirtschaft und Start-Ups unterstützt, erfuhr die Rheinland-pfälzische Delegation bei einem Besuch der Israel Innovation Authority. So investiert Israel rund 4,3 Prozent seines Bruttosozialprodukts in Forschung und Entwicklung. Rund 500 Millionen US-Dollar seien im Haushalt für die Förderung von Start-Ups und der High-Tech-Branche eingestellt. Etwa 350 Start-Ups seien im vergangenen Jahr unterstützt worden.

Neben dem Staat und dem Militär sind es schließlich auch die Universitäten im Land, die das Gründer- und Unternehmertum sehr stark fördern. Am „Technion Haifa“, der berühmten Technischen Universität Israels, erfuhren die Landtagsabgeordneten konkret, wie die Uni Studierenden den Weg in ein erfolgreiches Start-Up ebnet.

Wie nun ein israelisches Start-Up ganz praktisch funktioniert, erläuterte der CEO von „MindUp“, einem so genannten „Inkubator“, einer Art Gründerzentrum, im High-Tech-Viertel Haifas. Acht Start-Ups aus dem Bereich „Medizin/Gesundheit“ werden dort gegenwärtig auf ihrem Weg in die erfolgreiche Selbständigkeit unterstützt. Jedes Start-Up erhält dort für zwei Jahre 750.000 US-Dollar an Startkapital, wovon 85 Prozent vom Staat und 15 Prozent vom Inkubator kommen. Auch einige deutsche Firmen sind in Israel mit Dependancen oder Tochterfirmen präsent, um von der dynamischen und innovativen Unternehmenskultur zu profitieren. So hat Volkswagen in Tel Aviv ein Tochterunternehmen gegründet, das Anlauf- und Unterstützerstelle für VW Start-Ups ist. Großes Thema ist dort beispielsweise das autonome Fahren.


Palästinensische Gebiete: Qualifizierte Arbeitskräfte, keine Jobs

Aber auch auf palästinensischer Seite gibt es zunehmend Ansätze, Start-Ups zu fördern und das Unternehmertum anzukurbeln. Unter anderem setzt man hier auch auf die Duale Ausbildung nach deutschem Vorbild. Bei Ramallah in der West-Bank bietet die National Beverage Company, eine Niederlassung von Coca-Cola, jungen Menschen ein duales Ausbildungsprogramm in Kooperation mit der Al-Quds-Universität in Jerusalem an. Professor Salah Odeh, der Dekan dieses Studiengangs, berichtet, dass junge Menschen in den palästinensischen Gebieten häufig sehr gut ausgebildet sind, es aber an qualifizierten Jobs mangele, sodass die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch sei.

Die Arbeitslosigkeit in den palästinensischen Gebieten betrage gegenwärtig rund 30 Prozent, informierte die palästinensische Wirtschaftsministerin, Abeer Owdah im Gespräch mit den rheinland-pfälzischen Abgeordneten. Im Gazastreifen seien sogar mehr als 60 Prozent der Menschen ohne Arbeit. Die Ministerin warb dafür, dass auch deutsche Unternehmen in den palästinensischen Gebieten investieren, beispielsweise auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien oder der Informationstechnologien. Die israelische Besatzung schränke die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas jedoch stark ein, sagte Abeer Owdah. 

Bei einem anschließenden Besuch in einem palästinensischen Gründerzentrum in Ramallah konnten sich die Landespolitiker ein Bild davon machen, wie Start-Ups hier gefördert werden.  

Landtagspräsident Hendrik Hering, der die Delegation auf ihrer Reise nach Israel und in die palästinensischen Autonomiegebiete leitete, war beeindruckt von Land und Leuten. „Es gibt einiges, was wir von Israel im Wirtschaftsbereich lernen können, vor allem aber auch von der israelischen Mentalität. Wer dort eine Unternehmensgründung an die Wand fährt, gilt nicht als Versager, sondern hat wertvolle Erfahrung für einen weiteren Versuch gesammelt, Staat und Gesellschaft stehen voll dahinter“. Darüber hinaus gebe es auch einige Ansatzpunkte für eine Vernetzung von mittelständischen rheinland-pfälzischen Firmen mit israelischen Start-Ups, beispielsweise im Bereich Landwirtschaft und Weinbau.


Hier geht es zum Interview mit dem Vorsitzenden des Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr, Thomas Weiner

 
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