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Sozialausschuss: Hoher Medikamenteneinsatz

Aktuelles – Aus den Ausschüssen - Donnerstag, 22. Mai 2014

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ist eine der zur Zeit am häufigsten diagnostizierten seelischen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Hauptmerkmale sind Störungen der Aufmerksamkeit und der Konzentration, körperliche Unruhe und Impulsivität. Häufige Begleitsymptome sind oppositionell-aggressives und emotional zurückgezogenes Verhalten.

Eine Studie der Barmer GEK hat 2013 festgestellt, dass die ADHS-Diagnose in Rheinland-Pfalz bundesweit am höchsten liegt und damit auch die Verschreibung des Wirkstoffes Methylphendiat, eines Amphetamin-Derivates, das dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt.



Die hohe Anzahl der festgestellten Krankheiten und der hohe Medikamenteneinsatz in Rheinland-Pfalz sind der Hintergrund eines Antrages der CDU-Fraktion, zu dem der sozialpolitische Ausschuss, unter Vorsitz von Dr. Peter Enders (CDU), heute zu einer Expertenanhörung geladen hatte.

Mit diesem Antrag soll der Landtag die Landesregierung unter anderem auffordern, die gesellschaftlichen Ursachen der ADHS-Erkrankungen im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie sowie eines Symposiums auszuloten und Möglichkeiten der Prävention zu erarbeiten.

Besonders betroffen von ADHS sind Kinder zwischen neun und elf Jahren. In diesem Lebensalter sind mittlerweile bei acht Prozent der Jungen von dieser Krankheit betroffen. Mädchen dieser Altersgruppe sind zu vier Prozent betroffen.

Weitgehend ratlos zeigten sich die Experten zum hohen Medikamenteneinsatz in Rheinland-Pfalz. Dieser könne durchaus auch darin zu suchen sein, dass viele Patienten aus anderen Bundesländern im Land behandelt würden. Weitgehend einig waren sich die Experten aber in der Bewertung der AHDS als Krankheit mit genetischem Hintergrund, teilweise ausgelöst oder verschärft durch schlechte familiäre Verhältnisse.

Anneliese Bodemar, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK), betonte allerdings, dass in den Jahren 2009 bis 2012 die Medikamentenverordnungen bei Versicherten der TK zwischen 9 und 11 Jahren bundesweit und in Rheinland-Pfalz zurückgegangen seien. Die Abnahme der Verordnungen trotz ansteigender Diagnosen lasse auf einen differenzierteren Einsatz der Medikamente schließen.

Prof. Dr. Michael Huss, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Johannes-Gutenberg Universitätsmedizin in Mainz sprach sich für umfangreichere Präventionsprojekte, verbunden mit einer Behandlung ohne Medikamente aus. Hohe Therapieeffekte ließen sich durch „Outdoor green movement“-Angebote erzielen, bei denen den Kindern und Jugendlichen Sport und Spiel in freier Natur angeboten werden.

Die Symptome von AHDS habe es auch in früheren Zeiten gegeben, äußerte sich Prof. Dr. Wolfgang Baßler, Professor für pädagogische Psychologie in Bonn. Er verwies auf das Jugendbuch „Struwwelpeter“, in dem zu Beginn des 19. Jahrhundert die Symptome in Wort und Bild dargestellt worden seien. In den heute üblichen Kleinfamilien und auch bei Alleinerziehenden führten Sorgen und Nöte in Konfliktsituationen zu erhöhten Anforderungen und damit zu erheblichen Spannungen. „Ehrgeizprogramme“ der Eltern führten ebenfalls zu Dauerspannungen bei den Kindern.

Auch für Monika Reif-Wittlich, Mitarbeiterin einer Selbsthilfevereinigung für Kinder und Jugendliche mit Teilleistungsschwächen in Urmitz bei Koblenz, ist ADHS eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung in Gehirnbereichen, in denen Aufmerksamkeit, Impulsivität und Motorik gesteuert werden. Bei den Betroffenen sei der Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe, die der Signalübertragung zwischen den Gehirnzellen dienen, defizitär. Es gebe zahlreiche Mittel, die regulierend in diesen Prozess eingreifen, indem sie den Stoffwechsel der Botenstoffe ausgleichen, so dass eine normale Funktion der Aufmerksamkeitsprozesse möglich sei, was sich unter anderem in einer Regulierung bestimmter Verhaltensweisen beobachten lasse.

Diese Zeit könne und sollte dann zwingend zum therapeutischen Arbeiten genutzt werden. Eine Medikation könne und dürfe immer nur ein Baustein in einem vielseitigen Behandlungskonzept sein, bilde aber oft den Grundstein, auf dem Therapien aufbauen könnten.

Eine weitere entscheidende Einflusskonstant liege aber auch in den gesellschaftspolitischen Randbedingungen. Ungünstige Faktoren im sozialen Umfeld, eine zunehmende Reizüberflutung und ungünstige psychosoziale Randbedingungen führten zu einer Verstärkung der Problematik. ADHS-Betroffene brauchten einen strukturierten Tagesablauf, stetige und verlässliche Bezugspersonen, eine reizarme Umgebung, Möglichkeiten zur ausgiebigen körperlichen Betätigung und Angebote, die eigenen Potentiale zu nutzen.

Eine Besprechung der Anhörung soll in der nächsten Sitzung des Sozialausschusses erfolgen. - 23.05.2014

 
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