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„Die Perversion der Medizin“

Tagung des Landtags zu NS-Rassenhygiene, Zwangssterilisation und Krankenmorden

„Aktion T 4“. Hinter diesem unscheinbaren und nüchternen Begriff verbarg sich Grauenhaftes. Mit diesem Tarnnamen bezeichneten die Nazis ihr Programm zur Tötung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen im Dritten Reich. Eine Tagung der Kommission des Landtags für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz beschäftigte sich hierzu in dieser Woche im Bundesarchiv in Koblenz intensiv mit der Thematik unter der Überschrift „NS-Rassenhygiene, Zwangssterilisation, Krankenmorde – Regionale Perspektiven auf den Raum des heutigen Rheinland-Pfalz“. Nach einem Überblick auf das Geschehen im Deutschen Reich richtete sich der Blick der Vorträge auf Rheinland-Pfalz sowie die Vorgänge in den hiesigen psychiatrischen Einrichtungen. Als Experten konnten für die Tagung Historiker aus der universitären Forschung sowie Forscher, die in der Gedenkarbeit tätig sind und ehrenamtliche Lokalhistoriker gewonnen werden.  

Verlegungen als Instrument der Vertuschung

Landtagspräsident Hendrik Hering verwies in seiner Eröffnungsrede auf die Parallelen im Vorgehen von Justiz und Medizin. Der Landtag hatte in diesem Jahr die Opfer der NS-Justiz in den Mittelpunkten seines Gedenkens gestellt. Auch in der Medizin sei von den Nationalsozialisten versucht worden, den Anschein der Rechtsstaatlichkeit aufrecht zu erhalten, um die Rechtswidrigkeit ihrer Taten zu vertuschen. So seien Patienten mehrfach verlegt worden, bis sie schließlich in eine der Tötungsanstalten eingeliefert wurden. Hendrik Hering bezeichnete dies als „Perversion der Medizin“. Es sei nicht um die Bedürfnisse der Patienten gegangen. „Vielmehr sollte eine menschenverachtende Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben getroffen werden“. Eindringlich schilderte der Landtagspräsident den Bericht eines Opfers der Zwangssterilisationen.

Der Mut von Einzelnen

Und auch wenn es auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz keine Tötungsanstalten gab, so seien die Sterbefälle in fast allen psychiatrischen Einrichtungen in den dreißiger und vierziger Jahren in erschreckendem Ausmaß angestiegen, „sei es aufgrund von Überbelegung oder gezielter medizinischer Fehlbehandlungen“, so Hendrik Hering. Die Beschäftigung mit der Geschichte der so genannten Euthanasie führe jedoch nicht nur Verbrechen und Schuld vor Augen, sondern zeuge auch von Mut. Mut von Einzelnen, die ihre Angehörigen zurück nach Hause holten, Mut von Bürgern in vielen Orten, die psychisch Kranke als Teil ihrer  

Gemeinschaft schützten. So prangerte der Münsteraner Bischof Galen die Patientenmorde öffentlich in seinen Predigten an. Die „Aktion T 4“ wurde daraufhin eingestellt. 

Erinnerungskultur im Wandel

„Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist uns eine bleibende Verpflichtung. Sie hält die Erinnerung an die Opfer wach. Sie hilft uns aber auch, aus der Geschichte zu lernen und Inhumanität und Rassenhass entgegenzutreten“, betonte Hendrik Hering. Die Erinnerungskultur verändere sich jedoch, da es immer weniger lebende Zeitzeugen gebe. Neben der Vermittlung von Fachwissen sei nach Auffassung Herings deshalb insbesondere auch eine emotionale Auseinandersetzung mit der Thematik notwendig. Dies könne insbesondere von Kunst und Literatur geleistet werden. Er freue sich daher besonders, dass Schülerinnen und Schüler des Landeskunstgymnasiums und des Aufbaugymnasiums Alzey das Stück „Gnadenlos“ als Teil der Tagung aufführten, welches sich den Lebenswegen von Opfern und Tätern künstlerisch annäherte.  

 
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