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„Mitten im Alltag“

Landtag und Stadt Mainz gedenken der Deportation Mainzer Juden vor 75 Jahren

Landtagspräsident Hendrik Hering spricht bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der massenhaften Deportationen jüdischer Mainzerinnen und Mainzer.
Landtagspräsident Hendrik Hering spricht bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der massenhaften Deportationen jüdischer Mainzerinnen und Mainzer.
Aus Anlass des 75. Jahrestages der massenhaften Deportationen jüdischer Mainzerinnen und Mainzer in osteuropäische Durchgangs- und Vernichtungslager haben die Stadt Mainz und der Landtag Rheinland-Pfalz gemeinsam auf dem Mainzer Marktplatz der Opfer gedacht.

Der rheinland-pfälzische Landtagspräsident Hendrik Hering teilte hierzu in seinem Grußwort mit: 

„Wir haben diesen Platz im Herzen unserer Landeshauptstadt ganz bewusst gewählt: Denn diese Menschen, die damals deportiert wurden, teilten den Alltag aller Mainzer Bürgerinnen und Bürger. Es waren Nachbarinnen und Nachbarn, es waren Bekannte, Freunde, Spielkameraden, Arbeitskollegen oder Verwandte. Hier gingen sie zum Einkaufen, in die Cafés und zur Arbeit“. Genau hierhin gehöre das Gedenken: „Mitten in den Alltag, wo normalerweise der lebendige Puls unserer Landeshauptstadt schlägt und wo damals, zu viele weggesehen haben, als ihre Mitbürger drangsaliert und abgeholt wurden“.

Der Landtagspräsident dankte allen, welche die Gedenkfeier geplant und organisiert haben. Sein Dank galt auch all jenen Organisationen, Vereinen, Verbänden und sonstigen Initiativen, die sich generell für eine Kultur des Gedenkens und Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus engagierten. In einer Zeit, in der die Generation der Zeitzeugen der Shoah nach und nach versterbe, sei diese Kultur wichtiger denn je. Und dies insbesondere auch deshalb, da unsere Werte von Demokratie, Freiheit und Solidarität zerbrechlich seien. „Es ist eine Illusion zu glauben, unser Zivilisationsprozess sei unumkehrbar“, sagte Hering. Es gelte ganz besonders auch in unseren heutigen Zeiten wachsam zu bleiben, hin zu schauen und mutig dagegen zu halten, wenn Unrecht geschieht. „Nie wieder dürfen Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Einstellung oder wegen ihrer Andersartigkeit zum Feindbild einer schweigenden Mehrheit gemacht, verachtet, gedemütigt oder bedroht werden“.  

Am heutigen Tage werde nicht nur an die Mainzer Juden erinnert, sondern die Gedanken seien auch bei den 25.000 Jüdinnen und Juden, die im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz gewohnt haben wie auch an die insgesamt sechs Millionen Juden in Europa, die allesamt vom Nazi-Regime und seinen willigen Helfern ermordet wurden. 

Hendrik Hering zitierte abschließend einige eindringliche Zeilen von Moritz Fried, der im Frühjahr 1942 aus dem Ghetto Piaski auf einer Postkarte nach Mainz schrieb:

„Ich bin im Judenrat und habe für die Verpflegung von 4.500 Menschen durch die Volksküche zu sorgen und zu organisieren. Nicht immer gerade leicht bei 50 Gramm Brot pro Tag, außer Kaffee und Suppe. Hunger hat man den ganzen Tag“.

Von den Juden, die ins Ghetto Piaski deportiert wurden, verliert sich jede Spur. - 20.03.2017

 
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